Kirchen verlieren 1,2 Millionen Mitglieder – „Politik muss Konsequenzen ziehen!”

Zentralrat der Konfessionsfreien fordert strukturelle Reformen im Verhältnis von Staat und Kirche

Bild: KI-generiert (OpenAI / ChatGPT)

Die heute von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) veröffentlichten Mitgliederzahlen für 2025 bestätigen den stabilen Trend der letzten Jahre: Die evangelische Kirche zählt noch rund 17,4 Millionen Mitglieder, die katholische Kirche rund 19,2 Millionen – zusammen 36,6 Millionen, was einem Bevölkerungsanteil von 43,8 Prozent entspricht. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Verlust von 1,2 Millionen Mitgliedern durch Austritte, Sterbefälle und sonstige Abgänge. 657.000 Menschen haben dabei aktiv den Kirchenaustritt erklärt – ein anhaltend hohes Niveau, das sich seit 2022 bei rund drei Prozent Mitgliederverlust pro Jahr eingependelt hat.

Bereits 2024 stellten Konfessionsfreie erstmals die Mehrheit der Bevölkerung. 2025 wächst dieser Abstand weiter: Rund 48 Prozent der Deutschen dürften nun konfessionsfrei sein, gegenüber nur noch 43,8 Prozent Kirchenmitgliedern.

„Diese Zahlen sind das Ergebnis eines unaufhaltsamen gesellschaftlichen Wandels“, kommentiert Philipp Möller, Vorsitzender des Zentralrats der Konfessionsfreien. „Die Politik muss endlich einsehen, dass es in der Bevölkerung absolute Mehrheiten für säkulare Politik gibt – das muss Konsequenzen haben.“

Viele unfreiwillige Kirchenmitglieder

Noch aufschlussreicher als die Austrittszahlen sei das Bild hinter den verbleibenden Mitgliedschaften. Die repräsentative fowid-Studie „Elf Fragen zu Staat – Gesellschaft – Weltanschauung 2025” zeigt: 76 Prozent der Befragten finden, dass moralische Entscheidungen auf Vernunft und Mitgefühl beruhen sollten – nicht auf göttlichen Geboten. Auch unter Kirchenmitgliedern stimmen 66 Prozent der Katholiken und 72 Prozent der Protestanten dieser Position zu. 64 Prozent der Bevölkerung teilen ein naturalistisches Weltbild, das übernatürliche Phänomene ausschließt – darunter die Mehrheit der Kirchenmitglieder.

„Der deutsche Staatskirchenapparat ist unfair und vollkommen aus der Zeit gefallen”, sagt Möller. „Ein erheblicher Teil der Menschen, die noch auf dem Papier Kirchenmitglied sind, sind es nicht aus religiöser Überzeugung, sondern weil das System ihnen keine echte Wahl lässt.“

Der Zentralrat der Konfessionsfreien hält konkret vier strukturelle Faktoren dafür verantwortlich, dass die Mitgliedszahlen die tatsächliche Religiosität der Menschen massiv übertreffen: Erstens sind rund 1,8 Millionen Beschäftigte – insbesondere im Sozial- und Gesundheitswesen – faktisch zur Kirchenmitgliedschaft gezwungen, weil das kirchliche Sonderarbeitsrecht ihre Anstellung davon abhängig macht. Zweitens glauben viele Menschen irrtümlicherweise, die Kirchensteuer fließe vorrangig in soziale Zwecke – tatsächlich finanziert sie überwiegend den kirchlichen Apparat selbst. Drittens werden fast alle Kirchenmitglieder als Säuglinge getauft und damit ohne jede eigene Entscheidung zu Mitgliedern einer Steuergemeinschaft gemacht. Viertens scheitert der Austritt selbst bei denen, die ihn wollen, oft schlicht an Bürokratie: Zuständige Ämter sind überlastet, Termine kaum zu bekommen.

„Es kann nicht sein, dass Babys ohne ihr Wissen in eine Steuergemeinschaft eingeschrieben werden und ihnen als Erwachsene dann erzählt wird, die sozialen Dienste von Caritas, Diakonie und Co. würden aus der Kirchensteuer bezahlt. Wer austreten will, muss teils monatelang auf einen Termin warten”, sagt Möller. „Das ist kein Zufall. Das ist ein System.”

Gesellschaft längst säkular – Politik hinkt Jahrzehnte hinterher

84 Prozent der Bevölkerung fordern laut fowid-Studie, dass politische Entscheidungen weltanschaulich neutral getroffen werden – über alle Parteigrenzen hinweg. 82 Prozent sprechen sich für eine konsequente weltanschauliche Neutralität von Gerichten, Schulen und der Polizei aus.

„Die Gesellschaft ist der Politik um Jahrzehnte voraus“, sagt Möller. „Wir sind nicht mehr bloß auf dem Weg in die säkulare Gesellschaft – wir sind längst angekommen. Nur die religionspolitisch Verantwortlichen haben das offenbar noch nicht bemerkt.”

Forderungen an die Politik

Der Zentralrat der Konfessionsfreien fordert die Politik in Bund, Ländern und Kommunen auf, das veraltete Geflecht staatlich-kirchlicher Privilegien endlich aufzulösen:

  1. Kirchensteuereinzug durch den Staat beenden. Der Staat ist kein Beitragseintreiber für Religionsgemeinschaften. Die Kirchen sollen ihre Mitgliedsbeiträge selbst erheben.
  2. Staatliche Kirchensubventionen beenden. Wie hier dokumentiert, fließen jährlich 4,6 Milliarden Euro aus allgemeinen Steuermitteln an die Kirchen – unabhängig von der Kirchensteuer und unvereinbar mit dem Grundsatz staatlicher Neutralität.
  3. Kirchliches Sonderarbeitsrecht abschaffen. Wer mit öffentlichen Mitteln soziale Dienstleistungen erbringt, muss sich an das allgemeine Arbeitsrecht halten. Rund 1,8 Millionen Beschäftigte dürfen nicht länger zur Kirchenmitgliedschaft oder zu einer bestimmten Lebensführung gezwungen werden.
  4. Kirchenaustritt unbürokratisch ermöglichen. Der Austritt muss einfach, kostenlos und ohne Wartezeiten möglich sein – online, kostenlos, ohne Wartezeit.
  5. Religionsmündigkeit stärken. Der Eintritt in eine Religionsgemeinschaft mit steuerrechtlichen Folgen darf nur durch geschäftsfähige bzw. religionsmündige Personen in eigener Entscheidung erfolgen. Die Taufe von Säuglingen darf keine automatische Kirchensteuerpflicht begründen.

„Deutschlands Religionspolitik muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden“, fasst Möller zusammen. „Ein weltanschaulich neutraler Staat ist keine Utopie – er ist der Auftrag unserer Verfassung und unserer Bevölkerung.”