Philipp Möllers Grußwort am 18. Januar 2026 im Hans-Jochen-Vogel-Saal (Willy-Brandt-Haus) zur Jahrestagung des Arbeitskreises Säkularität und Humanismus in der SPD (AKSH)
Vielen Dank. Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kathrin Michel, liebe Sabine Smentek, liebe Mitglieder des AKSH – ich bedanke mich ganz herzlich für die Einladung zu eurer Jahrestagung.
Ich freue mich sehr über die Möglichkeit, hier ein Grußwort sprechen zu dürfen. Es ist mir eine besondere Ehre, dieses Grußwort im Hans-Jochen-Vogel-Saal des Willy-Brandt-Hauses zu halten – ein angemessener Ort für den Arbeitskreis Säkularität und Humanismus, wie ich finde. Denn damit sind wir auch schon mitten im Thema: Ich spreche heute ein Grußwort für einen ganz besonderen Arbeitskreis.
Ihr musstet euch nicht nur gegen Widerstände durchsetzen, sondern ihr habt euch auch Themen vorgenommen, die eine Art Zukunftsversicherung der SPD darstellen. Säkularität ist längst kein Randthema und längst keine Haltung mehr, die irgendwo am Rand der Gesellschaft vertreten wird – sie wird in der Mitte der Gesellschaft vertreten, und zwar von absoluten Mehrheiten.
Und absolute Mehrheiten sind die härteste Währung, die man in der Politik haben kann. Ihr kommt also als Arbeitskreis Säkularität und Humanismus mit der härtesten Währung, die ihr eurer Partei zur Verfügung stellen könnt: Themen und Positionen zu besetzen, die die SPD in Zukunft sicher in der Mitte der Gesellschaft aufstellen.
Das ist eine riesige Aufgabe. Es ist auch eine dankbare Aufgabe – auch wenn sie sich für euch wahrscheinlich nicht immer so anfühlt. Denn beim Säkularismus, bei der Säkularität sprechen wir von einem Staatsprinzip: einem Staatsprinzip, das uns Demokratie und offene Gesellschaft ermöglicht. Das muss durch Säkularität und Humanismus sichergestellt werden.
Und es gibt in Deutschland nicht den Megatrend des Religiösen – sondern vor allem den Megatrend der Säkularisierung. Es wird immer wieder davon geredet, dass die Religionen zurückkehren. Schaut man sich die Zahlen an – und das werde ich heute auch ein bisschen tun – dann kann man überhaupt nicht von einem Megatrend der Religion sprechen, sondern höchstens von einem Megatrend der Säkularisierung. Inzwischen sprechen sich absolute Mehrheiten dafür aus – und zwar weit über die Zahlen von Kirchenmitgliedschaften oder Nicht-Kirchenmitgliedschaften hinaus.
Und das ist das Interessante: Wir können ja junge Christinnen und Christen, also Kirchenmitglieder, fragen – und da gibt es genauso säkulare Haltungen wie unter denen, die konfessionsfrei sind. Es gibt eine Befragung unter jungen Christinnen und Christen, katholisch wie evangelisch, die zeigt, dass 80 Prozent von ihnen überhaupt nicht religiös sind.
Diese Zahlen müssen wir vor Augen haben. Und von der Religiosität mal abgesehen, habe ich mir gleich drei Themen mitgebracht, die ich ein bisschen ausleuchten möchte. Vorher will ich aber noch einmal sagen: Es gibt eine ganz offensichtliche Diskrepanz zwischen dem Wählerwillen und dem, was die Politik tut.
Ich glaube, das haben wir gestern in Teilen – in der Debatte mit Konstantin von Notz rund um Staatsleistungen – alle wieder gespürt. Es gibt einen klaren Verfassungsauftrag, und es gibt einen genauso klaren Auftrag der Wählerschaft, die Finanzen von Kirche und Staat voneinander zu trennen.
Und es wird in der Politik – leider auch aus der SPD, das muss man so offen sagen – immer wieder das Narrativ der alten Kirchenrepublik Deutschland erzählt. Dieses Narrativ greift in der Bevölkerung aber immer weniger. Umso wichtiger ist es, dass ihr als AKSH in der Partei Werbung macht für diese Themen.
Schauen wir kurz auf die Kirchensteuer: 74 Prozent der Menschen in Deutschland meinen, dass der Einzug der Kirchensteuer durch den Staat nicht mehr zeitgemäß ist. 74 Prozent – und daran ruckelt sich politisch gar nichts. Und dabei haben wir noch nicht darüber gesprochen, dass die Kirchensteuer mit 4,6 Milliarden Euro pro Jahr – das sind fast 40 Prozent – staatlich subventioniert wird.
Wenn wir über Staatsleistungen sprechen, sprechen wir über etwa 650 Millionen Euro. Wenn wir über die Subventionierung der Kirchensteuer sprechen, ist das ungefähr das Achtfache. All das sind Punkte, über die man reden muss.
Wenn wir über Islampolitik sprechen – auch das ist Religionspolitik –, dann müssen wir den Begriff der wehrhaften Demokratie wieder stärker in den Fokus rücken. 86 Prozent der Menschen in Deutschland sind der Meinung, dass man Organisationen verbieten sollte, die gegen das Grundgesetz handeln und gegen die freiheitlich-demokratische Ordnung. 86 Prozent.
Und wenn wir uns die Realität anschauen, sehen wir: Es gibt mindestens zehn Organisationen, die in Deutschland als gemeinnützig gelten, obwohl sie vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft werden. Das geht doch nicht.
Auch hier kann die SPD eine viel stärkere und entscheidende Rolle übernehmen – und ich bin der Meinung, dass ihr die Richtigen seid, eure Partei dazu auch zu treiben.
Ein drittes Thema: 72 Prozent der Menschen in Deutschland wollen den Religionsunterricht ersetzen – durch einen gemeinsamen Ethikunterricht. Auch hier sprechen wir von einer absolut stabilen Mehrheit. Und wir haben noch nicht darüber gesprochen, dass Religionsunterricht eben nicht der Aufklärung über Religion dient, sondern dem Religiösmachen von Kindern. Der Auftrag des Religionsunterrichts ist, die Inhalte der Religion, die Glaubensüberzeugungen, als unumstößliche Wahrheiten darzustellen. Und er kostet rund vier Milliarden Euro – Schätzungen zufolge aus Steuermitteln.
Auch hier könnt ihr zum Beispiel mit der starken Partnerin GEW gute Arbeit leisten, um die bekenntnisfreie Schule in Deutschland zu stärken. 64 Prozent meinen insgesamt, dass Religion einen zu großen Einfluss auf Politik hat. Das ist eine Zahl, die ihr immer in der Hosentasche haben könnt, wenn ihr mit Funktionsträgerinnen und Funktionsträgern der SPD sprecht. Und 81 Prozent sind der Meinung, dass religiöse Organisationen sich komplett aus der Politik heraushalten sollten.
Diese Diskrepanz muss man sich anschauen: 80 Prozent sagen das – und das Gegenteil ist in Deutschland der Fall.
Ich finde: Säkularität ist die Möglichkeit, eine gemeinsame Vision für einen weltanschaulich neutralen Staat zu entwickeln, der religionsfreundlich ist – indem er Religion zulässt als System der Spiritualität und als private Organisation des Auslebens der eigenen Weltanschauung, aber eben nicht als Machtinstrument.
Das ist euer starkes Pfund als AKSH, mit diesen Argumenten zu arbeiten. Religion taugt längst nicht mehr als Kitt der Gesellschaft – aber Säkularität.
Ich halte es außerdem für ganz problematisch, wenn wir angesichts des politischen Islam das Christentum wieder stärken wollen – gewissermaßen als Gegengift, nach dem Motto „fight fire with fire“. Sprecht mal mit liberalen Musliminnen und Muslimen darüber.
Wir sind im starken Austausch mit eurer Genossin Lale Akgün, die dazu sehr deutliche Worte findet. Religionen müssen alle gleich behandelt werden – und jedes Privileg, das wir den Kirchen zusprechen, müssen wir früher oder später auch islamischen Organisationen zusprechen. Das ist ein großes Problem. Es ist aber auch ein Hebel – und ein gutes Argument, um für den säkularen Staat zu werben.
Absoluten Mehrheiten zu folgen bedeutet für eine Partei, zukunftsfähig zu sein. Und genau das könnt ihr in eure SPD hineintragen.
Säkularität ist hier ein Angebot – und zwar ein sozialdemokratisches Angebot im besten Sinne: gerecht, schützend und solidarisch.
Zum Ende möchte ich ein kleines Rechenbeispiel aufmachen: Wir waren gestern ungefähr 60 Leute, heute sitzen hier etwa 50. Wenn jede und jeder von euch in diesem Jahr mit – sagen wir – zehn Funktionsträgerinnen und Funktionsträgern, Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern spricht und diese Ideen von Säkularität und Humanismus in der SPD verbreitet, dann kann im Jahr 2026 ein Netzwerk von 500 Genossinnen und Genossen entstehen, die mit diesen Themen vertraut sind, die sich damit auseinandergesetzt haben – weil ihr sie dazu eingeladen habt.
Genau dazu möchte ich euch ermutigen. Tragt die Themen des AKSH selbstbewusst und mutig in die Partei, denn sie stellen die Zukunft der Partei dar.
Und damit wünsche ich uns und euch eine wunderschöne Jahrestagung, viel Spaß und gute Gespräche. Vielen Dank.