Konfessionsfreie unterstützen Hamburger GEW-Forderung nach Ethikunterricht ab Klasse 1

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hamburg (GEW) hat dem Eingaben-Ausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft am 8. Juni eine Petition mit fast 5.000 Unterschriften übergeben. Sie fordert, dass Eltern bereits in den Klassen 1 bis 6 zwischen dem bekenntnisgebundenen „Religionsunterricht für alle“ (RUfa) und einem säkularen Ethikunterricht wählen können – und nicht erst ab Klasse 7. Der Zentralrat der Konfessionsfreien unterstützt diese Forderung, über die u.a. der NDR, das Abendblatt sowie die taz (11. Juni) berichtet hat.

Philipp Möller, Vorsitzender des Zentralrats der Konfessionsfreien, sagt: „Der Hamburger RUfa unterläuft das Verfassungsgebot weltanschaulicher Neutralität auf mehreren Ebenen. Er wird inhaltlich von Religionsgemeinschaften verantwortet und seit 2022 werden nur Lehrkräfte zugelassen, die eine Erlaubnis der Religionsgemeinschaften dafür haben. Trotzdem werden alle Kinder bei der Einschulung automatisch angemeldet, ohne dass Eltern über die Freiwilligkeit der Teilnahme informiert werden – dabei sind etwa zwei Drittel der Hamburger Bevölkerung konfessionsfrei.“

Der Zentralrat hat das Hamburger Modell in „Konfessionsfrei Kompakt Nr. 4″ unter Mitarbeit des Theologen Prof. em. Hartmut Kreß als exemplarische Fehlentwicklung analysiert.

GEW Hamburg: Was Kinder erleben, wenn sie abgemeldet werden

Sven Quiring, Vorsitzender der GEW Hamburg, sagt: „Hamburg braucht endlich auch in der Grundschule eine echte Wahlmöglichkeit. Manche Eltern zögern, ihre Haltung offen zu zeigen – aus Sorge, ihr Kind könne in der Schule in eine Sonderrolle geraten. Wenn abgemeldete Kinder improvisierten Lösungen überlassen werden, entsteht leicht das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören. Genau das sollte Schule vermeiden.” Zahlreiche Unterzeichnerinnen und Unterzeichner haben ihre Erfahrungen auf OpenPetition dokumentiert: von Schulen, die Abmeldewünsche aktiv hintertreiben, bis zu Kindern, die während des Religionsunterrichts in Nachbarklassen verwahrt werden.

SPD-Bundesarbeitskreis: kein säkularer Raum für die großen Fragen des Lebens

Gerhard Lein, Co-Sprecher des SPD-Bundesarbeitskreises Säkularität und Humanismus (AKSH) und ehemaliger SPD-Bürgerschaftsabgeordneter, kennt das Hamburger Schulsystem von innen – als ehemaliger Schulleiter, Religionslehrer und Bildungspolitiker. Er sagt: „Der RUfa ist ein pädagogisches Konzept, dem das Ergebnis exklusiver enger Absprachen zwischen dem Hamburger Senat und den fünf beteiligten Religionsgemeinschaften zugrunde liegt. Somit ist das Fach ein Angebot für Eltern, die sich religiöse Antworten auf die großen Fragen des Lebens wünschen – über die konfessionsfreie Bevölkerungsmehrheit hingegen wird nur aus der Sicht von Religionsgemeinschaften gesprochen. Für alle anderen gibt es in den Klassen 1 bis 6 schlicht keinen säkularen Raum für genau diese Fragen. Die GEW fordert Gleichbehandlung – und das ist richtig.“

SPD-Arbeitsgemeinschaft für Bildung: Der RUfa ist kein Angebot für säkulare Kinder

In einer Pressemitteilung der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Bildung (AfB) Hamburg sagt die Landesvorsitzende Dora Heyenn, die AfB kritisiere „ausdrücklich nicht das Konzept eines multikonfessionellen Religionsunterrichts, wie er bekanntlich in den Klassen 7 bis 12/13 erfolgreich durchgeführt wird. Wir kritisieren, dass die Religionsgemeinschaften trotz Apellen aus der Schulbehörde keine identitätsstiftenden Angebote für säkulare Kinder anbieten wollen. Der Religionsunterricht für alle (Rufa) ist leider ein Religionsunterricht für alle Religiösen. Deshalb muss dringend ein Alternativfach in den Klassen 1-6, wie z.B. Philosophie oder Ethik in den Schulen angeboten werden.“

Säkulare Grüne: Wahlfreiheit darf keine Altersfrage sein

Gudrun Schittek, Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Säkulare Grüne, sagt: „Eltern und Kinder, die keinen Religionsunterricht wollen, werden noch nicht einmal über ihre Rechte aufgeklärt und erhalten kein Alternativangebot – das ist Diskriminierung. Es ist nicht nachvollziehbar, warum säkulare Bildung in weltanschaulichen Fragen in Hamburg erst ab Klasse 7 möglich sein soll. Was ab der siebten Klasse als selbstverständliches Wahlrecht gilt, muss auch für Grundschulkinder gelten. Für eine echte Wahlfreiheit darf das Alter keine Rolle spielen.“

Extremismus-Experte Mansour: Bekenntnisunterricht pädagogisch und integrationspolitisch „fatal” 

Sachsen und Sachsen-Anhalt bieten Ethikunterricht bereits ab Klasse 1 an, Rheinland-Pfalz ab Klasse 4. Laut einer repräsentativen GfK-Umfrage bevorzugen 72 Prozent der Deutschen einen säkularen Ethikunterricht für alle, unter Konfessionsfreien ebenso wie unter Kirchenmitgliedern. Dass Hamburg diesen Weg noch nicht geht, ist auch integrationspolitisch ein Problem: Der Experte für Integration und Extremismusprävention Ahmad Mansour hat in seinem SPIEGEL-Bestseller „Generation Allah“ beschrieben, dass das Fehlen eines gemeinsamen säkularen Bildungsraums religiöse Parallelwelten begünstigt und pädagogisch und integrationspolitisch „fatal” sei.

Möller: RUfa im rechtlichen Spannungsfeld

Philipp Möller beleuchtet abschließend einen zentralen rechtlichen Aspekt: „Der Hamburger RUfa steckt in einem verfassungsrechtlichen Dilemma: Er ist multikonfessionell angelegt, aber das Bundesverfassungsgericht fordert für den Religionsunterricht ‚konfessionelle Positivität und Gebundenheit‘ – ein Unterricht, der gleichzeitig mehrere Konfessionen lehrt, kann dieses Kriterium nicht erfüllen. Im Ergebnis hält der RUfa weder die verfassungsgerichtlichen Anforderungen ein, noch bietet Hamburg in den Klassen 1 bis 6 eine durchgängige säkulare Alternative an. Der Hamburger Senat bewegt sich damit in einem hausgemachten rechtlichen Spannungsfeld, während die Forderung der GEW nach einem säkularen Ethikunterricht diese Spannungen abbauen kann und Hamburgs Schulkinder endlich gleichstellt.“