
Im aktuellen Podcast »Frei.Stunde.« spricht Philipp Möller mit Kathrin Michel MdB über ihre Rolle als erste Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion für Säkularität und Humanismus. Die 62-jährige Landesvorsitzende der SPD Sachsen ist langjährige Gewerkschafterin und ehemalige Betriebsrätin; hier bezieht sie Stellung zu den zentralen religionspolitischen Fragen des Landes.
Dazu gehören etwa die historischen Staatsleistungen an die Kirchen – jährliche Zahlungen des Staates, die sich 2026 auf rund 666 Millionen Euro belaufen. Michel räumt ein, dass die Chancen auf kurzfristige Fortschritte bei der verfassungsrechtlich vorgeschriebenen Ablösung dieser Leistungen gering seien, zeigt sich aber als „hemmungslose Optimistin“ und appelliert an eine breite öffentliche Debatte:
„Es wäre fatal, wenn wir lapidar sagen würden, die Herausforderungen an diesem Thema dran zu bleiben, das schaffen wir jetzt nicht mehr.“
Zum Politischen Islam hat der AKSH in einer Resolution vom Januar 2026 eine Stellung bezogen, die Michel voll und ganz teilt:
„Einzelpersonen, Organisationen und Bewegungen, die islamistische Positionen vertreten oder von den Verfassungsschutzbehörden als extremistisch eingestuft werden, sollen nicht als Bündnis-, Kooperations- oder Dialogpartner legitimiert werden – auch dann nicht, wenn sie sich formell zur Einhaltung der deutschen Strafgesetze und zur Gewaltfreiheit bekennen.“
Darüber hinaus thematisieren Möller und Michel die versteckten Subventionen an die Kirchen – von der Subvention der Kirchensteuer, die zuletzt rund 4,6 Milliarden Euro aus allgemeinen Steuermitteln betrugen, bis hin zu Denkmalschutzmitteln. Michel als Haushaltspolitikerin:
„In Zeiten, wo man den Euro mehrfach umdrehen muss, muss man ganz genau schauen, wofür gibt man ihn aus. Da darf es keine Tabuthemen geben.“
Auch Zentralratsvorsitzender Philipp Möller macht im Gespräch deutlich, wo er den Kern des Problems sieht: die Diskrepanz zwischen dem, was die Bevölkerung religionspolitisch will, und dem, was in den Parlamenten tatsächlich passiert. „Absolute Mehrheiten in der Bevölkerung für liberale Regelungen beim Schwangerschaftsabbruch, bei der Suizidhilfe, beim Ethikunterricht – und trotzdem Stagnation, teilweise sogar Rückschritte.“ Für Möller ist das kein Zufall, sondern Ergebnis einer strukturellen Schieflage: Kirchliche Institutionen genießen als etablierte Multiplikatoren politischen Zugang, den säkulare Verbände trotz breiter gesellschaftlicher Verankerung bislang kaum haben.

Konkret wird Möller auch beim Thema Kirchenfinanzen: „Wir schieben jedes Jahr fast fünf Milliarden Euro in die Subventionierung der Kirchensteuer – und die Kirchen genießen dabei eine gewisse Finanzimmunität, weil man einfach nicht darüber redet.“ Sein Appell an Michel als Haushaltspolitikerin: Diese Summen sichtbar machen, in den parlamentarischen Diskurs bringen und den gesellschaftlichen Konsens, der in Umfragen längst vorhanden ist, endlich auch politisch einlösen.
Michel nimmt den Appell an und ergänzt ihn. Als Haushaltspolitikerin weiß sie, dass die Staatsleistungen nur die Spitze des Eisbergs sind. Im Haushaltsausschuss etwa werden regelmäßig Denkmalschutzmittel für leerstehende Kirchengebäude freigegeben – kaum jemand nimmt dies zur Kenntnis. „Das wissen viele nicht“, sagt sie. Ihr Fazit: Es dürfe beim Blick in den Haushalt keine Tabuthemen geben – auch nicht, wenn es um Kirchen geht.
Ebenso offen spricht Michel über den Feiertagskalender: Sie plädiert für eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, welche Feiertage heute noch Sinn ergeben – und welche neu hinzukommen könnten. Den 8. März, der in Berlin und Mecklenburg-Vorpommerm als internationaler Frauentag ein staatlicher Feiertag ist, findet sie „großartig“, den sächsischen Buß- und Bettag hingegen hält sie für einen Tag, „mit dem wirklich niemand was anfangen kann“. Weihnachten feiert sie – ganz ohne religiösen Hintergrund – als die einzige Zeit im Jahr, in der sie aus dem politischen Tagesgeschäft wirklich abtauchen kann. „Alle haben in dieser Zeit frei – das ist der Charme.

Besonders am Herzen liegt ihr die Jugendweihe. Als Kind der DDR hat sie selbst mit 14 Jahren ihre Jugendweihe gefeiert und schwärmt noch heute davon: „Am nächsten Tag mussten uns die Lehrer siezen – wir waren erwachsen.“ Die Vorbereitung umfasste damals nicht nur Feiern, sondern etwa auch den Besuch eines Konzentrationslagers und Bildung in gesellschaftspolitischen Fragen. Ein Modell, das Michel für zeitgemäß und ausbaufähig hält – und das einen entscheidenden Vorteil gegenüber Kommunion und Konfirmation hat: Wer eine Jugendweihe feiert, wird nicht automatisch Teil einer Steuergemeinschaft, aus der man später erst wieder austreten muss.
Das vollständige Gespräch ist als Podcast-Episode der »Frei.Stunde.« verfügbar:
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