Zentralrat der Konfessionsfreien zieht Bilanz vom Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit in Bremen und der Kooperation mit dem Arbeitskreis Politischer Islam – AK Polis
Drei Tage, zwei Zelte auf der Einheitsmeile und ein Publikum, das zugewandt stehen blieb: Der Zentralrat der Konfessionsfreien blickt auf ein Bürgerfest zurück, das einen riesigen Zuspruch brachte. Mit Lesungen, Präsentationen und Diskussionen am Informationsstand stellte er in direkter Nachbarschaft mit dem AK Polis säkulare Politik und die Aufklärung über die Gefahren des Politischen Islam zur öffentlichen Debatte.

Der Vorsitzende des Zentralrats, Philipp Möller, berichtet: „Unser zehnköpfiges Team hat in den drei Tagen unzählige Gespräche geführt. Laut Veranstalter war der Besucherandrang so groß, dass schätzungsweise 200.000 Menschen unseren Auftritt beim Bürgerfest gesehen haben. Die negativen Rückmeldungen hingegen können wir an den Fingern einer Hand abzählen.”
Viele Besucherinnen und Besucher gaben sich am Stand als Gleichgesinnte zu erkennen. Möller: „Ständig hieß es: ›Ich bin ja auch so eine, ich bin auch konfessionsfrei.‹ Viele hatten bloß noch nie erlebt, dass jemand ihre Haltung öffentlich und politisch vertritt. Nach Schwerin im Jahr 2024 und Saarbrücken 2025 haben wir auch in Bremen wieder erfahren, dass wir mit unseren Themen offene Türen einrennen, auch unter gläubigen Menschen.”

Absolute Mehrheiten für säkulare Politik
Der Zentralrat stellte seine Mitgliedsverbände und seinen Medienpartner, den Humanistischen Pressedienst hpd.de, vor. Eine Videopräsentation zeigte die „absoluten Mehrheiten für säkulare Politik”. Passanten stimmten vor Ort ab, unter anderem über die Kirchensteuer, die Zukunft des Religionsunterrichts und den Reformbedarf beim kirchlichen Sonderarbeitsrecht. Wie in den Jahren zuvor überschritten die Ergebnisse die Tendenzen in der Gesamtbevölkerung teils deutlich.
Möller: „In den Gesprächen zeigt sich immer wieder, dass viele Menschen noch immer glauben, Religion und Politik seien in Deutschland voneinander getrennt. Oft reagieren sie überrascht bis fassungslos, wenn sie erfahren, dass die Kirchensteuer zu fast vierzig Prozent staatlich subventioniert wird und der Religionsunterricht ganz offiziell der Vermittlung von Bekenntnissen dient, nicht von Erkenntnissen. Auf die Kooperationen von Bund und Ländern mit Akteuren des Politischen Islam reagieren fast alle mit deutlicher Ablehnung.”
Ricarda Hinz von hpd.de, die auch den Düsseldorfer Aufklärungsdienst DA! mitgestaltet, sagt: „Der Zuspruch zu säkularen Positionen ist überwältigend. Die Diskrepanz zwischen dem religionspolitischen Willen der Bevölkerung und dem Handeln in der Politik ist riesig. Das zeigt sich auch bei der staatlichen Bezuschussung des Evangelischen Kirchentags 2027 in Düsseldorf, der mit fast 6 Millionen Euro von unserer hochverschuldeten Stadt bezuschusst wird – höchste Zeit für säkulare Politik im säkularen Deutschland!”

Foto (c) P. Schunke
Zum Auftakt am Freitagnachmittag stellte sich der Zentralrat als NGO für säkulare Politik vor. Weitere Programmpunkte galten der Informationsfreiheit an der Schnittstelle von Politik, Religion und Steuergeld sowie dem Auftritt von Netzwerkmitgliedern des AK Polis. Ein Treffen mit säkularen Initiativen aus Bremen und darüber hinaus beschloss den Tag.
Necla Kelek: „Ich bin ein Glückskind”

Foto (c) P. Schunke
Den Auftakt am Tag der Deutschen Einheit machte die Bestsellerautorin Necla Kelek mit ihrem autobiografischen Buch »Glückskind – Aufwachsen zwischen Istanbul und Bückeburg«. Im Gespräch mit Möller ging es um die einst säkulare Republik Türkei, um Keleks Ankommen in Deutschland und das Erstarken des Politischen Islams.
Kelek sagt: „Die Türkei meiner Kindheit war ein säkularer Staat. Dass in Deutschland heute Verbände Einfluss gewinnen, die diese Trennung aktiv auflösen, hätte ich nicht für möglich gehalten. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung Deutschlands muss dringend gegen den Politischen Islam verteidigt werden!”
Tugay Saraç: Warum er am 3. Oktober auf dem Bürgerfest ist und nicht in der Moschee
Der LGBTIQ-Beauftragte der Ibn Rushd – Goethe Moschee, Tugay Saraç, erklärte im Gespräch mit Möller, warum er am 3. Oktober das Bürgerfest besucht und nicht den Tag der offenen Moschee, den der Zentralrat der Muslime 1997 ins Leben gerufen hat.
Saraç: „Früher war ich Salafist und habe gehofft, dass der Tag der offenen Moschee eines Tages wichtiger wird als der Tag der Deutschen Einheit. Dieses Denken ist unter Islamisten weit verbreitet.”

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Die Ibn Rushd – Goethe Moschee, der Saraç angehört, bleibt am 3. Oktober schon lange geschlossen. Ihre Begründung: „Aus Respekt vor der Wiedervereinigung halten wir die parallele Nutzung als ›Tag der offenen Moschee‹ für unpassend. Unsere Türen stehen Ihnen an jedem Freitag und das ganze Jahr über offen!” Den Tag der offenen Moschee bewerben unter anderem Mitglieder der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), die nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden die größte islamistische Organisation Deutschlands ist. Saraç am Stand: „Wir Muslime sind Bürger dieses Landes, und ich feiere den deutschen Nationalfeiertag selbstverständlich gemeinsam mit allen anderen. Wer ausgerechnet an diesem Tag zusammen mit Islamisten ein Gegenprogramm in den Moscheen veranstaltet, setzt auf Spaltung. Der 3. Oktober gehört der Einheit aller Bürgerinnen und Bürger in unserem Land.”

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In der Diskussion zur Akzeptanzkampagne »Ich bin Muslim / Ich bin Muslimin« schilderte Saraç, wie er den islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD im Juli erlebt hat. Er kritisierte Burhan Kesici, den Vorsitzenden des Islamrats, der die Motive der Kampagne im ZDF als „Abnormalitäten” bezeichnet hatte. Die Politik bindet Kesici dennoch weiterhin als Partner ein, etwa im Beirat der kürzlich in Münster eröffneten Islamisch-Theologischen Fakultät.
Besonders häufig wurde das Plakatmotiv eines schwulen Paares am Stand fotografiert. Es löste viele Gespräche aus, und zahlreiche Musliminnen und Muslime suchten den Austausch. Fast alle Passanten teilten die Auffassung, dass jeder Mensch, unabhängig von sexueller Orientierung oder Religion, das gleiche Recht auf sexuelle Selbstbestimmung hat. Möller: „Dass ein Muslim an unserem Stand für die Rechte schwuler Muslime eintritt und dafür Applaus bekommt, zeigt, wie viel Rückhalt diese Haltung in der Mitte der Gesellschaft hat.”
Verfassungspatriotismus und Bündnis gegen Islamismus
Was hält eine Einwanderungsgesellschaft zusammen? Darüber sprach Möller am Samstagmittag mit Nelly Eliasberg von der WerteInitiative – jüdisch-deutsche Positionen e. V. Mit Blick auf die Debatten um Die Linke und die AfD sagte Möller, er sei politisch nonbinär, weil er es nicht für zielführend halte, die Welt in rechts und links einzuteilen. Eliasberg stimmte dem uneingeschränkt zu und sagte: „Verfassungspatriotismus muss vom Kopf ins Herz wandern. Wir können und dürfen stolz sein, in einer freien Gesellschaft zu leben, egal wo wir ursprünglich herkommen. Und die Werte, die das ermöglichen, müssen wir gemeinsam verteidigen.”

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Am Nachmittag stand Eliasberg erneut am Mikrofon, diesmal gemeinsam mit Zeinab Herz, die für den AK Polis in Bremen war. Die Zuhörerinnen und Zuhörer erlebten zwei Stimmen, die sich gegenseitig stärkten und ein demokratisches Bündnis gegen Islamismus bilden. Eliasberg: „Es ist dringend nötig, aber zum Glück auch möglich, dass ich als Jüdin neben einer ehemaligen Hisbollah-Angehörigen auf der Bühne stehe und wir gemeinsam unsere freiheitliche Verfassung gegen den Islamismus verteidigen.”
Zeinab Herz: Kein Kopftuch und kein Blatt vorm Mund
„Aus meinem Leben” lautete der Titel des Vortrags der Ex-Muslimin Zeinab Herz. Sie schilderte, wie sie in Deutschland den Weg aus dem Hisbollah-Milieu des Politischen Islam fand und sich von dem Zwang befreite, ein Kopftuch zu tragen. Sie sprach über die Enge dieses Umfelds, über Zitate aus Koran und Scharia, die ihre Unterdrückung rechtfertigen, über die Angst vor dem Urteil der Gemeinschaft und über den Moment, in dem sie begann, eigene Entscheidungen zu treffen.

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Viele Menschen blieben gebannt stehen, darunter Mädchen und Frauen mit Kopftuch in männlicher Begleitung. Manche hörten lange zu, einige suchten danach das Gespräch am Stand, wenige auch den Streit.
Herz sagt: „Ich habe am Stand Mädchen gesehen, die zugehört haben, ohne etwas zu sagen. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Ihnen möchte ich zeigen: Es gibt einen Weg, und man muss ihn nicht allein gehen. Erst in Deutschland habe ich erlebt, was es heißt, frei über mein Leben entscheiden zu können. Diese Freiheit soll jedes Mädchen haben – ganz egal, in welcher Familie es aufwächst.”
Absolute Mehrheiten und die Zukunft des Religionsunterrichts
Gerhard Lein, ehemaliger Hamburger Bürgerschaftsabgeordneter und Bundessprecher des SPD-Arbeitskreises Säkularität und Humanismus (AKSH), und Johannes Schwill, Präsident des Humanistischen Verbands Deutschlands (HVD) in Nordrhein-Westfalen, diskutierten mit Möller über die Folgen einer dauerhaften Missachtung absoluter Mehrheiten in religionspolitischen Fragen. Weitere Themen waren der bröckelnde, aber von der CDU stramm verteidigte Bekenntnisunterricht in Nordrhein-Westfalen und säkulare Alternativen zu den christlichen Passage-Riten, z.B. Namensfeiern anstelle der Taufe, humanistische Trauungen und Trauerfeiern.

Gerhard Lein sagt: „Wenn eine klare Mehrheit unserer Gesellschaft ein gemeinsames Werte-Fach für alle Kinder will – wie schon vielfach sozialwissenschaftlich festgestellt wurde, darf die Politik das nicht über viele Jahre aussitzen. Bekenntnisfreier Unterricht für alle ist die Antwort auf die Wirklichkeit in unseren Klassenzimmern, und da gehört Religionskunde dann selbstverständlich auch dazu. Religiöser Bekenntnisunterricht in der Schule nach Artikel 7, 3 unseres Grundgesetzes ist ja eher ein Relikt aus vergangenen Tagen.“
Johannes Schwill betont den Wert säkularer Riten: „Jugendfeiern in der Gruppe und individuelle weltliche Lebensfeiern geben Familien ohne Konfession einen würdigen Rahmen für die großen Momente des Lebens. Das Angebot wächst, weil der Bedarf da ist.“
Angriff auf ein homosexuelles Paar in der Bremer Altstadt
Wie dringlich das Thema Sicherheit ist, zeigte sich noch am Abend des 3. Oktober. Gegen 23 Uhr wurde in der Bremer Altstadt ein homosexuelles Paar aus einer etwa zehnköpfigen Gruppe heraus angegriffen. Laut Polizeibericht fielen dabei homophobe Beleidigungen auf Arabisch, mehrere Personen schlugen mit Fäusten auf das Paar ein. Einer der beiden Männer musste im Krankenhaus behandelt werden. Zentralrat und AK Polis danken der Polizei und den privaten Sicherheitsdiensten, die das Bürgerfest aufmerksam und mit starker Präsenz geschützt haben.
Möller: „Der Angriff am Abend des Nationalfeiertags verdeutlicht, wie wichtig der Einsatz für den säkularen Rechtsstaat und gegen den Politischen Islam ist. Freiheit und Sicherheit gehören für alle Bürgerinnen und Bürger zusammen.”
Ausklang am Sonntag
Am Sonntag standen das kirchliche Sonderarbeitsrecht, bekenntnisfreie Schulen und die Verwendung von Steuergeldern für Religionsgemeinschaften im Mittelpunkt. Im Abschlussgespräch zur Religionspolitik kamen auch die Daten zu absoluten Mehrheiten zur Sprache. Ein Netzwerktreffen mit säkularen Initiativen schloss den Auftritt des Zentralrats beim Bürgerfest ab.
Möller abschließend: „Wir sind mit viel Rückenwind aus Bremen nach Hause gefahren. Der Tag der Deutschen Einheit hat wieder einmal gezeigt, dass säkulare Politik vollkommen selbstverständlich aus der Mitte der Gesellschaft heraus gefordert wird. Im nächsten Jahr werden wir diesen Tag in Düsseldorf feiern, dann vielleicht schon mit mehr als fünfzig Prozent Konfessionsfreien.”
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